Am 14.08 habe ich um 13 Uhr den Zug bestiegen. Endlich war es soweit. Das Ticket habe ich mir drei Tage vorher mit Hilfe meines Gastgebers am Bahnhof gekauft. In den Zug kommt man nicht so einfach, weil die Provodnitza (Schaffnerin) an der Tuer steht und vorher die Tickets prueft. Diese Pruefung habe ich bestanden und habe sogleich mein Abteil aufgesucht. Das Feeling in der ersten Stunde war sehr ernuechternd. Mit Abenteuer und Begeisterung hatte es erst mal gar nichts zu tun. Mir begegnete ein Interieur welches eher schlechte Laune verursacht. Die Passagiere im Zug hatten ganz furchtbare Jogginghosen an, die bei zu langer Betrachtung vermutlich Augenkrebs verursacht haetten. Aus den Boxen schepperte seltsame Musik. Von russischen melancholischen Liedern bis hin zu alten Hits wie Modern Talking's "Brother Lui", Ace of Base's "Wheel of fortune" oder Bonny M's "Daddy Cool". Ausserdem war es extrem heiss bei der Abfahrt, knapp 30 Grad Celsius, sodass ich schweissgebadet war. Soviel zum ersten Eindruck. Von wegen"Romantik, Mythos und Abenteuer Transsib".
Eine Stunde spaeter hat sich meine Sicht etwas vernebelt. Meine Abteilkollegen stellten sich vor. Andrey, Dimitri und Tatjana aus Mokau waren auf dem Weg in den Urlaub. Eine Flussreise in Norden, welche in Krasnojarsk beginnt. Der Tisch war brechend voll mit Schaschlick, Salami, gebratenem Fisch, Tomaten und Gurken. Dimitri's Frau Olga und Tochter Anna vom Abteil nebenan gesellten sich auch noch dazu. Sie luden mich ein, an der Schlemmerei teilzunehmen. Dann packte der Andrey eine 3 Liter Flasche Kwas aus, ein gewoehnungsbeduerftiges nationales alkoholfreies Getraenk. Er hat den Geschmack sehr gelobt und das Einschencken war eine kleine Zeremonie. Als er aber allen nur recht wenig eingoss, und meine Nase einen starken Geruch wahrnahm, vermutete ich etwas. Es war kein Kwas sondern selbstgebrannter Vodka. Er bezeichnete ihn zwischendurch auch als Lecarstwa (Arznei). Dann gab es die erste Runde, die zweite usw.. Auf einmal passte alles zusammen. Die Musik, das Interieur, das Outfit der Leute, die Luft. "Mythos Transsib", jetzt bin ich auch mental eingestiegen.
Ich hatte mich eigentlich darauf eingestellt, mich bei den vielen Stopps immer am Bahnsteig zu versorgen, wo saemtlicher Bedarf gedeckt werden kann. Allerdings bescherten mir meine neuen Freunde eine Vollversorgung. Brei zum Fruehstueck und sonst Fleisch, Fisch, Salami und Gemuese. Ich habe zwischendurch am Bahnsteig Bier und Haehnchenschenkel besorgt und beigesteuert, um nicht ganz so beschaemt dazustehen.
Im Gang ist vor allem den Kindern aufgefallen, dass ich kein russisch spreche. Also hatte ich sie regelmaessig um mich, aufgrund ihrer guter Absicht, mir russisch beizubringen. Sie zeigten auf verschiedene Gegenstaende und sagten mir das russische Wort dazu.
In Krasnojarsk stiegen meine Freunde aus, und Irina, eine sehr schweigsame, teilte jetzt das Abteil mit mir. Also kam ich auch mal zum lesen und zum hoeren des interessanten Stoffs auf meinem MP3.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen